Marcel Müller – Mit Leidenschaft bei der Arbeit
Vita Marcel Müller:
Marcel Müller wurde im Jahr 1979 in Körborn in der Nähe von Kaiserslautern geboren und ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb gemeinsam mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Lehre zum Landwirt und sammelte praktische Erfahrung auf einem Schweinehaltungsbetrieb in Nordrhein-Westfalen. Den anschließenden Besuch der Fachschule schloss er als staatlich geprüfter Wirtschafter mit Fachrichtung Landbau ab. Danach schloss sich der Meisterkurs an. Gemeinsam mit seinem Vater bewirtschaftet er den landwirtschaftlichen Betrieb in Rheinland-Pfalz. Auf dem Familienbetrieb lebt er mit seiner Lebensgefährtin, den Eltern und Großeltern in einem Haus.
Der Betrieb:
Der Betrieb Müller ist spezialisiert auf Schweineherdbuchzucht und hält insgesamt 200 Mutterschweine, wovon 50 Tiere Zuchttiere sind. Das Futter für die Tiere – hauptsächlich Wintergerste und Wintertriticale – wird auf einer Ackerfläche von 90 Hektar angebaut. Zusätzlich produziert Müller noch Winterraps für den Verkauf. Neben dem Betriebsleiter und seinem Sohn arbeitet auf dem Familienbetrieb ein weiterer Mitarbeiter, der nach seiner Lehre auf dem Betrieb übernommen wurde.
Marcel Müller – Mit Leidenschaft bei der Arbeit
„Toll, was die Bauern leisten. Deutschland ist mit seinen blühenden Wiesen und Feldern wirklich wunderschön“. Dieser Gedanke kommt mir, als ich frühmorgens mit dem Auto durch Rheinland-Pfalz fahre, um Marcel Müller zu besuchen. Der Grund für den Hofbesuch ist, zu erfahren, wie moderne Landwirte heute leben und arbeiten.
Um 9 Uhr bin ich mit Marcel Müller auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb in Körborn verabredet. „Da können wir dann gleich gemeinsam frühstücken“, hat er mich schon vorab eingeladen. Gastfreundschaft ist auf dem Land wohl das Normalste und Selbstverständlichste der Welt. Der 31-jährige Junglandwirt führt uns dann auch sofort im geräumigen Haus ins Untergeschoss, wo er seine Wohnung hat. „Ich wohne zwar mit meinen Eltern und Großeltern in einem Haus, habe aber meine eigene Wohnung“, betont er. Es sei eine tolle Sache, wenn drei Generationen in einem Haus lebten. Man sei nie alleine und bekäme immer Unterstützung und Hilfe, wenn man sie benötige. „Eine helfende Hand ist immer da“, sagt Müller. Er empfiehlt aber auf alle Fälle, für jede Familie einen eigenen Rückzugsbereich zu schaffen. „Natürlich ist das Zusammenleben mit drei Generationen auch nicht immer einfach. In der Landwirtschaft wohnen wir nämlich nicht nur zusammen, wir arbeiten auch zusammen. Das klappt nur, wenn jeder seinen persönlichen Rückzugsbereich hat.“ Und dafür sei ja genügend Platz da.
Müllers Arbeitstag hat heute um 7.30 Uhr begonnen. Vor der Arbeit checke er in der Regel noch seine E-mails und bereite sich so auf den Tag vor. „Das Klischee, dass Landwirte morgens um vier aufstehen müssen und nie Urlaub haben, stimmt schon lange nicht mehr. Klar fahren wir regelmäßig weg“, verdeutlicht er. Erst letztes Wochenende sei er mit seiner Freundin für einige Tage in Frankreich gewesen. Als Naturmensch brauche er aber auch im Urlaub immer etwas Aktives. Und nach einigen Tagen ziehe es ihn in der Regel wieder zurück zu seinen Tieren. „Da hab ich richtig Sehnsucht nach meinen Schweinen“, schwärmt er. Der Umgang mit Tieren sei ohnehin seine Lieblingsbeschäftigung. „Es ist schon toll, wenn Ferkel geboren werden. Dieses Wunder der Natur beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue“. Für Müller ist „Landwirt“ sein Traumberuf, weil er mit der lebendigen Natur, mit Tieren arbeiten könne und seinen Tag selbst gestalten könne. Der Beruf sei durch die Vielseitigkeit auch ungemein spannend. „Du weißt nie, wie der nächste Tag wird. Jeder Tag ist anders“. Müller gefällt es außerdem besonders gut, dass man auf der einen Seite Arbeiter ist, also selber werkelt, auf der anderen Seite aber auch Manager, also den Betrieb führt. „Der Landwirt ist die ideale Mischung aus Arbeiter und Manager“, sagt er schmunzelnd.
Lebensmittel müssen mehr wert sein
Wir sitzen noch immer beim Frühstück, wirklich lecker so ein Bauernfrühstück: frisches Brot, Käse, selbst gemachte Wurst, Marmelade, Honig, Kaffee und Milch. So muss ein Tag auf dem Bauernhof beginnen. „Einen Wehrmutstropfen gibt es dabei. Das alles ist nichts mehr wert“, sagt Müller. Es sei richtig erschreckend, welch geringe Wertschätzung und damit welch geringen Preis Lebensmittel in Deutschland hätten. In anderen Ländern sei das nicht so extrem. „In Frankreich beispielsweise sind Lebensmittel mehr wert. Da passt das Verhältnis besser“, sagt Müller. Es sei ein Widerspruch in sich, dass Lebensmittel immer hochwertiger und besser würden und gleichzeitig der Preis immer geringer werde. „Hier müssen wir uns als Gesellschaft entscheiden, was wir wollen. Wenn der Verbraucher weiterhin so günstige Lebensmittel möchte, dann brauchen wir auch weiterhin die europäischen finanziellen Beihilfen. Von unseren Produkten alleine können wir nicht mehr leben“, sagt Müller. Im Prinzip wünscht er sich, dass er als Landwirt auf Hilfe von der EU verzichten könnte. „Die bessere Lösung wäre natürlich, dass der Verbraucher für die Qualitätsprodukte mehr bezahlt“. Allerdings hält er es nicht für realistisch, dass sich da so bald was tut. Müller sieht sich auch nicht als Subventionsempfänger, sondern „als jemand, der Geld für seine Arbeit bekommt“. Landwirte würden Mehrleistungen für die Gesellschaft erbringen, u.a. pflegen sie die Kulturlandschaft. Nicht umsonst seien die Landschaften hier in Deutschland so wunderschön. „Wir wollen nicht mehr, aber dafür gerecht entlohnt werden“, sagt der Junglandwirt kämpferisch, der sich ehrenamtlich für die Region und für den Berufsstand als Kreisvorsitzender des Bauernverbandes stark macht. Persönlicher Einsatz ist ihm deshalb so wichtig, da er es nun selbst in der Hand hat, etwas zu tun.
Landwirte wirtschaften umweltbewusst
Müller geht mit uns über den Betrieb. Sein Großvater fegt gerade den Hof, der Vater arbeitet im Stall. „Mein Großvater unterstützt uns tatkräftig auf dem Hof. Das entlastet uns deutlich. Im Prinzip ist der Hof immer sauber“. Er will uns auch die Felder zeigen, die in der Frühlingszeit besonders schön sind und macht mit uns einen Spaziergang zu den nahe gelegenen Äckern. Unterwegs treffen wir Dorfbewohner, nach einem kurzen Gruß geht’s wieder weiter. „Wenn man im Dorf wohnt, ist man nie alleine. Da kennt jeder jeden“, kommentiert der junge Mann. Er zeigt uns „seine“ Gegend auf die er sichtlich stolz ist. „Jetzt kommt der Raps langsam in die Blüte, da schimmern die Felder so wunderbar gelb. Das mag ich sehr gerne“, schwärmt er.
Die Gegend ist wunderschön: bergige Landschaft, idyllisch im Tal gelegene Ortschaften, blühende Felder, ruhige, friedliche Atmosphäre. Wir vergessen fast, dass wir heute nicht im Urlaub, sondern zum Arbeiten hier sind.
Bei den intensiv gelb leuchtenden Rapsblüten entdecken wir kleine schwarze Käfer. „Das sind Rapsglanzkäfer. So harmlos die aussehen, so gefährlich sind sie für die Rapspflanzen“, erklärt uns Müller. Die Käfer würden bei der Blütenbildung die Knospen anbohren und sie damit zerstören. Bei einem extremen Befall könnten Sie die ganze Ernte vernichten. Es sei daher im Frühjahr so wichtig, die Getreide- und Rapsbestände auf Schädlinge und Wildpflanzen zu untersuchen, um rechtzeitig Pflanzenschutzmaßnahmen durchführen zu können. Dies würde nur gemacht, wenn es erforderlich sei. „Wir gehen also aufs Feld und zählen die Käfer. Dann entscheiden wir, ob wir unsere Pflanzen durch Pflanzenschutzmittel vor Schädlingen schützen“, betont Müller. Dies ist gewissermaßen ein Gesundheitsdienst an den Pflanzen. Den Vorwurf, dass Landwirte unkontrolliert Pflanzenschutzmittel ausbringen würden, findet er absurd. „Schon aus praktischen und finanziellen Gründen würde das keinen Sinn machen: Pflanzenschutzmittel sind so teuer, dass wir gerne darauf verzichten, wenn es möglich ist“.
Wir lieben und brauchen unsere Tiere
Zurück am Hof, wollen wir zielstrebig in den Schweinestall gehen. „Nein, so schnell geht das nicht“, werden wir von Marcel Müller gestoppt. Er gibt uns einen Betriebsoverall, Kopfbedeckung und Gummistiefel und informiert uns, dass man nur mit diesem „Outfit“ Schweineställe betreten darf. Klar, damit wir heute Abend im Flieger nicht so stinken, denken wir. „Dies ist zum Schutz der Tiere, damit keine Krankheiten eingeschleppt werden. Schweinekrankheiten sind sehr leicht einschleppbar“, werden wir informiert. Drinnen im Stall gehen wir einen Gang entlang, rechts und links geht es zu den Abteilen, wo die Schweine sind. Es ist sehr leise, man hört nur das monotone Summen des Lüftungscomputers. „Über diesen Computer regeln wir die ideale Temperatur für die Tiere – je nach Jahreszeit und Alter. Das läuft vollautomatisiert. Wenn Störungen auftreten, geht die Alarmanlage los“.
Als die Tür zum Ferkelabteil aufgeht, ist es mit der Ruhe vorbei. Fröhlich quiekende, zartrosa Ferkel gucken uns neugierig an. In einem Abteil gibt es mehrere Buchten mit jeweils ca. 10 Ferkeln, langweilig scheint es ihnen nicht zu sein. „Bei uns bekommen die Ferkel Spielsachen, mit denen sie sich beschäftigen können. Das kann z.B. ein kleiner Ball oder ein fester Ast sein“, sagt Müller. Er erzählt weiter, dass der Betrieb vor einigen Jahren von Strohhaltung auf strohlose Haltung umgestellt hat, da es hygienischer sei. „Wir machen das nicht, weil es billiger ist. Im Gegenteil: Die Böden für die Ställe, die speziell für die Tiere entwickelt wurden, sind deutlich teurer als mein Boden im Wohnzimmer“. Müller macht deutlich, dass ein Landwirt Tiere natürlich hält, um Geld zu verdienen. Schon allein deshalb müsse es den Tieren gut gehen. „Tiere, denen es schlecht geht, bringen keine Leistung. Wir profitieren nur von gesunden, sich wohlfühlenden Tieren“, erinnert der junge Mann. Er bezeichnet sich als aktiven Tierschützer, weil er sich nach den Ansprüchen des Tieres und nicht des Menschen richtet.
Es sei ein Problem in der Tierhaltung, dass man wenig verdient, aber hohe Kosten habe, sagt Müller. „Jedes Jahr bekommen wir mehr Auflagen für weniger Geld. Wie sollen wir das bezahlen?“ Alleine die Stalleinrichtung und die Fütterungs- und Lüftungscomputer seien ein Vermögen wert, in den modernen Ställen gehe nämlich nichts mehr ohne modernste Computertechnik. „Unser Nachwuchs muss also sehr fit in seinem Beruf sein, die Anforderungen nehmen ständig zu”.
Beim Stallrundgang erklärt uns Müller, dass es einen „Kreissaal“ gibt, also die Abferkelbuchten, in denen die Mutterschweine ihre Ferkel zur Welt bringen. Nach ca. 4 Wochen kommen die Ferkel dann in den „Kindergarten“, wo sie sich mit ihren Altersgenossen austoben können. Nach ca. 8 Wochen werden die Ferkel mit einem Gewicht von rund 28 Kilogramm an einen Schweinemäster weiterverkauft. Der Eindruck, dass Schweine ihr gesamtes Leben nur in einem Stall stehen, trügt also. Mir scheint, dass die Tiere ziemlich viel Abwechslung haben.
Bauer oder Landwirt?
Marcel Müller hat mein Bild von einem Landwirt „aufgefrischt“. Ich bin fast ein bisschen neidisch. Es muss schon toll sein, sein eigener Herr zu sein und dort zu leben, wo andere Urlaub machen. Auch für den Beruf des Landwirts habe ich viel Sympathie gewonnen. Moment mal, darf ich das überhaupt noch sagen? Bauer oder Landwirt? Marcel Müller fühlt sich als beides. „Bauer, wenn ich der Arbeiter bin, Landwirt beim Unternehmerischen“, sagt er. Es stört ihn manchmal schon, wenn man als Schimpfwort „du Bauer“ verwendet, ohne überhaupt darüber nachzudenken. In seinen Augen ist ein Bauer jemand, der aktiv im Leben steht, optimistisch nach vorne strebt und versucht, mit Rückschlägen positiv umzugehen. „Ein Unternehmertyp durch und durch also. Ich bin stolz darauf, Bauer zu sein“, sagt Müller.
Gastfreundschaft bedeutet ihm wirklich viel. Bei der Verabschiedung lädt er herzlich ein, wieder einmal vorbeizukommen. Außerdem drückt er uns je zwei Dosen der selbst gemachten Schinkenwurst in die Hand, die wir zum Frühstücken genießen durften. „Damit ihr auch in der Stadt ein bisschen Landluft schmecken könnt“, sagt er und verabschiedet sich von uns.
